Progdecennio - Festival mit Satellite, Mangala Vallis und Magenta am 20.5.06 in de Boerderij in Zoetermeer, NL

 

 Wenn 5 Progressivrockfans eine Reise tun, dann...

 ... ist zu wenig Platz im Auto ( wahrscheinlich waren die Grünen auch Proggies und haben so vor uns das Rotationsprinzip für Abgeordnete erfunden ). War ja auch nur so eine Limo mit St..., aber genug der Angabe. Ein Taxi war es nicht. Oh Mann, den Taxameter wollte ich nicht bezahlen.

 ... ist meistens heiteres Prog - Raten angesagt. Ich muss doch unbedingt mal die alten PNL - Tapes entstauben, da gibt’s auch so manch nette schräge Überraschung drauf, hehehe! Bei 4 einhalb Progfans ist jedes Musiklexikon die Schmalspurversion einer Datenbank mit 4,5 Servern! Es ist schon Wahnsinn wie viel Wissen mit im Wagen saß. Wenn sich noch Musikliebhaber uns anschließen wollen, bitte nur mit VW-Bus, oder größer.

 ... geht`s meistens Richtung Westen, denn in Holland und Belgien gibt es doch ein reichhaltigeres Angebot für den verwöhnten Genre - Liebhaber aus der Köln - Bonner Bucht.

 Da Zoetermeer in direkter Nähe zu Rotterdam liegt, ist eine Rückfahrt am gleichen Abend für die meisten deutschen Proggies nicht das sinnvollste, deswegen hatten wir uns im „Golden Tulip“ eingenistet, was preisgünstig in fußläufiger Nähe zur Location liegt. Dass wir da nicht die Ersten waren, die auf die Idee kamen, konnte man an den hotelüblichen Accessoires erkennen, denn bei meinen bisherigen Übernachtungen hab ich noch nie kostenlose Ohrstöpsel zur Verfügung gestellt bekommen.

Die Suche nach einem Restaurant, das mittags nicht nur Sandwichs anbietet, hat uns dann allerdings eine eher unfreiwillige Komplett-City-Besichtigung beschert. Die Attraktivität der City hält sich allerdings stark in Grenzen. Zoetermeer ist eine typische holländische Vorstadt mit Hochhäusern und Wohnblocks des sozialen Wohnungsbaus.

Das Objekt unserer Begierde, die Halle „de Boerderij“ liegt lärmtechnisch günstig an einer Hauptverkehrsstrasse, ohne direkte Nähe zu Wohnhäusern. Der Saal fasst wohl um die 700 Besucher, wenn der Balkon mit genutzt wird. Was ich klasse fand, war, dass man vor dem Konzertsaal eine Kneipe mit Live-Leinwand eingerichtet hat. Sitzgelegenheiten sind sonst fast nicht existent und die Füße danken es einem bei einem Festival, wenn man sich ab und an mal auf seine vier Buchstaben setzen kann. Gerade dann, wenn 7 Stunden locker an diesem Abend zu Buche schlugen. Mein Tipp, dass bei diesem Festival rund 150 Zuschauer erscheinen  würden, hat sich zum Glück für den Veranstalter als krasse Fehleinschätzung herausgestellt, denn spätestens bei „Mangala Vallis“ waren es doch bestimmt doppelt so viele, die sich da vor der Bühne einfanden.

Eröffnet haben „Satellite“ das Festival und schon nach kurzer Zeit stellten sich bei mir uralte Erinnerungen ein, denn ich hatte vor ca. 10 Jahren im niederländischen Almelo „Collage“ gesehen und der Sound und Stil der Nachfolgeformation hat sich kaum verändert, obwohl nur der Schlagzeuger Wojtek Szadkowski von „Collage“ übrig geblieben ist. Der Sänger Robert Amirian hat es mit seiner sehr offenen Art der Ansprache auch schnell geschafft, die Brücke zum Publikum zu schlagen. Der Song „never never“ traf den Nerv des heutigen Ghostwriters mitten ins Mark. Dies spüre ich noch heute, wenn Amirian den Refrain singt: „you never never never never believe“

Die Jungs boten eine unspektakuläre, aber gute Performance, die beim Publikum gut ankam, obwohl von mir als einziger Kritikpunkt angemerkt sei, dass der Gesang eher dünn war. Wer „Collage“ mochte, der wird, denke ich, auch „Satellite“ mögen. Das Gitarrenspiel von Sarhan Artur Kubeisi war auf jeden Fall nicht von dieser Welt. Es sei vorweg genommen, dass am heutigen Abend mindestens 4 begnadete Gitarreros an den Saiten zupften. (die Bassisten noch gar nicht eingerechnet) Sarhan entwickelte ein Gefühl auf der Gitarre, wie es nur wenige andere schaffen. Michael Schenker, oder aber auch David Gilmour seien hier aufgeführt. Dieser Vergleich bedeutet nicht, dass Herr Kubeisi die Stile kopierte. Er IST einfach ein gefühlvoller, begnadeter Klampfer mit einem eigenen Feeling.

Da das Festival von den niederländischen Kollegen von „IO-Pages“ veranstaltet wurde, die gleichzeitig damit auch ihr 10jähriges Bestehen feierten, wurden in der Umbaupause Preise verliehen. Unter anderem konnte die Band Mangrove mit ihrem Album „Facing the Sunset“  den ersten „European Prog Award“ für das beste Prog-Album des Jahres 2005 einheimsen.

Danach durften „Mangala Vallis“ mit ihrem neuen, einigen von euch durch sein vorheriges Schaffen bei PFM bekannten Sänger Roberto Lanzetti auf die Bühne. Ich hatte „Mangala Vallis“ 2002 auf der Progfarm gesehen und war begeistert vom damaligen Sänger gewesen. Lanzetti setzte mit seinem äußerst ausdrucksvollen kräftigen Gesang aber eine deutlich andere Note. Wer den kleinen, ca. 60 Jahre alten Mann mal live gesehen hat, wird ihn nicht wieder vergessen! Der Mann hat Energie! Positiv aufgefallen ist mir noch das sehr präzise und gute Schlagzeugspiel von Cocchi. „Mangala Vallis“ können ihre italienischen Wurzeln nicht verleugnen, schaffen es aber im von ihnen praktizierten melodiösen Neo-Prog nicht langweilig zu werden. In der nächsten Umbaupause habe ich Edo Spanninga und Margriet von Flamborough Head getroffen. Neben der Info, dass man an einem zweiten Trion Album arbeitet, fiel auch die Bestätigung, dass auch dieses Jahr die „Progfarm“ stattfinden wird. Übrigens auch zum 10. Mal. Man ist mitten in den Vorbereitungen. „Cast“ aus Mexiko sind eingeladen und auch eine deutsche Band wird eine Einladung kriegen. Mehr darf ich im Moment nicht verraten, da das alles noch nicht in trockenen Tüchern ist (...und natürlich wahnsinnig geheim!).

Danach legte sich dann Magenta ins Zeug. Eurem altbekannten Schreiberling Michael (MB), hatten „Magenta“ zwar sehr gut gefallen. Seine Favoriten waren aber eindeutig am heutigen Abend „Mangala Vallis“. So fallen die Geschmäcker eben anders aus.

Mir, dem Gastwriter Klaus (KB) gefielen „Satellite“ schon am Anfang besser als „Mangala Vallis“. Allerdings kann ich Michaels Bericht nur unterstützen. Die ganze Performance und Darbietung war voller Power. 1,5 Stunden musikalisches Progfeuerwerk der besseren Sorte. Allerdings fühlte ich mich mit dieser Power irgendwann auch überfordert. Nicht, dass der falsche Eindruck entsteht. Dies hat mit Speed-, oder Hard - Rock nichts zu tun. So war ich aber auch über die Sitzgelegenheit im Café froh und aß eine Kleinigkeit. Nun ja, ich war ja der Musik wegen hier und nicht zum essen. Einen Stern bekommt die Küche sowieso nie. Aber egal, der Hunger trieb es rein. Und im Café gab es eine Riesenleinwand, auf der das Geschehen im Veranstaltungsraum übertragen wurde. Ein super Service!

Ja und dann kamen „Magenta“. Endlich! Wie lange habe ich gewartet. Und wirklich, es war ein toller Gig. Beim ersten Song dachte ich noch, Christina hätte keine Lust. Vielleicht war ihr auch nur irgendetwas über die Leber gelaufen. (Bier vielleicht? – Scherz am Rande) Aber mit jeder weiteren Silbe taute sie immer mehr auf und sang in ihrer typischen Art. Zwischen Gig und Zugabe gab es noch ein Ständchen für Christina, da sie wohl heute Geburtstag hatte.

Und hier kam nun der andere begnadete Gitarrist dieses Abends mit ins Spiel. Chris Fry. Mann, was hat dieser Mann Feeling und Klasse! Dass war schon erste Sahne. Da ging Martin Rosser ja unter, obwohl er den Part des Hintergrundmannes überhaupt nicht verdient hat. Nun, über Rob Reed braucht man in unseren Kreisen auch nicht viele Worte verlieren. Als Kritik sei anzumerken, dass sein künstlich erzeugter Bass auch genau solch einer war. Die Halle dröhnte und drohte zu platzen, wenn dieser Bass einsetzte. Das Mischpult bekam diesen Makel zum Ende etwas besser hin. Er wurde etwas gezähmt, aber nie dressiert. Dies ändert aber nichts an der Virtuosität von Mister Genius Reed.

Mehr als anderthalb Stunden gute progressive Magenta Musik mit allen Höhepunkten beendeten ein tolles Prog – Rock – Festival, welches um 16 Uhr begann und um 23:30 zu Ende war. Festivals für unsere kleine Gemeinde in dieser Klasse sind wirklich rar gesät. Kann es sein, vielleicht vertue ich mich ja, aber ich meine, dass die Rockmusik so langsam wieder die Hitparaden stürmt? Und damit meine ich nicht den Schlafmützenrock. Danach ist es nur noch ein kleiner Schritt für den Proggie, aber ein großer Schritt für die Musikfans. Mit diesen Worten verabschieden sich (MB & KB)