Cruise To The Edge Reisebericht & Bilder

vom 15. - 19. November 2015 Miami - Key-West - Nassau (Bahamas) - Miami

mit freundlicher Genehmigung durch Trading Boundaries und Roger Dean
mit freundlicher Genehmigung durch Trading Boundaries und Roger Dean

Tag 1 - Sonntag

Wenn tausende Prog-Fans auf ein fast 300 Meter langes Schiff müssen, verzögert sich schon mal der Check-Inn-Vorgang. So auch bei uns. Ich nutzte die Zeit und es wurden schon die ersten Kontakte geschlossen und erneuert. Man sah sehr viele Enthusiasten, die auch schon 2014 dabei waren. Gegen 12 Uhr wurden wir auf Bord der NCL Norwegian Pearl gelassen und hatten Zeit die Gänge und die verschiedenen Etagen zu  erkunden. Wir holten uns unser VIP-Paket in Form eines T-Shirts, einer Tasche und einem Trommelfell, alles  mit Aufdruck der diesjährigen Cruise to the Edge und dem VIP-Stempel versehen, ab. Der erste musikalische Besuch war bei meinen schwedischen Freunden von Moon Safari. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten groß. Johan, Petter und Sebastian hatten ihre Partnerinnen dabei, der letztgenannte sogar den frisch geschlüpften Nachwuchs. Vor ca. 300 Zuschauern legten sie in der Spinnaker-Lounge, in gemütlicher Bar-Atmosphäre einen anderthalb Stunden dauernden, umjubelten Auftritt hin. Hier wurde zum ersten mal „Emma, come on“ live gespielt, welches auf Himlabakken II zu hören sein wird. Ein Release-Datum gab es leider noch nicht. Während des Konzertes legte die „Norwegian Pearl“ aus dem Hafen von Miami ab und man konnte aus der Lounge die Ausfahrt miterleben. Wer die sechs wohlstimmigen Musiker nicht sehen, sondern nur hören wollte, legte sich auf eine der zahlreichen Chaiselounges und Relaxliegen und hatte so mehrere Höhepunkte auf einmal. Um 17:30 Uhr wurde es auch hier schon dunkel und die Neal Morse Band gab auf der Pool-Stage ihren ersten Arbeitsnachweis ab. Sound und Lautstärke waren „state of the Art“. Mike Portnoy und Neal Morse wechselten sich als Frontmänner ab und heizten dem Publikum richtig ein. Pünktlich um 20 Uhr begannen YES im Stardust-Theater. Im Vorspann wurde dem am 27. Juni 2015 verstorbenen Chris Squire gehuldigt. Mit Spannung wurde erwartet, wer die riesige Lücke vom Bassisten füllen würde. Ein ehemaliges Bandmitglied wurde reaktiviert. Billy Sherwood, der von 1996 bis 2001 Gitarre und Keyboards in der Band spielte, zupfte nun den Bass. Soviel sei gesagt, es machte seine Sache mehr als gut. Im Nachhinein war dies das beste Konzert der ganzen Fahrt. gerade Billy Sherwood gefiel mir ausgesprochen gut. Er bearbeitete den Bass so, wie ich es mir in späteren Jahren vom ehemaligen Bassisten erhofft hatte. Die gesamte Band legte eine selten gesehene Spielfreude an den Tag. Man spielte Songs aus fast allen Schaffenszeiträumen. Sogar das Titelstück von „Fly From Here“ kam peppig rüber. Jon Davison machte für mich Jon Anderson vergessen und die YES-Gemeinde flippte zurecht aus. Wieder zurück in der Spinnaker-Lounge konnte man dem Trio Tomas Bodin, Jonas Reingold und Felix Lehrmann von den Flower Kings lauschen, die hier unter dem Projektnamen Barracuda Triangle das Publikum flashten. Echter bodinscher Rock mit spährischen Tönen, ohne allzu frickeligen Passagen. Ich verabredete mich für den nächsten Tag mit Tomas zu einem Interview, welches beim zweiten Anlauf dann klappte. Nach Barracuda Triangle war alleine schon der halbstündige Soundcheck von Spock`s Beard ein Erlebnis. Der eigentliche Auftritt war druckvoll und gut abgemischt. Nektar opferten ihren Auftritt dem Regengott. Richtig gelesen. Am Samstag regnete es schon in Miami Bindfäden. Ganze Straßenzüge waren von Wasser bedeckt, Kies wurde aus Beeten gespült und lag auf dem Trottoir. Richtung Süden blieb das Wetter unbeständig. Ich wurde um 22 Uhr vom Jetlag umgeworfen und konnte einige Gigs, allerdings ohne bekannte Namen, nicht mehr erleben.

 

Tag 2 - Montag

Nach wenigen Stunden Schlaf wachte ich pünktlich gegen 6:30 Uhr zum Anlegemanöver in Key-West auf. Heute ging es dann Schlag auf Schlag. Roger Dean trat im Stardust-Theater auf. Anfangs waren sehr wenige Besucher anwesend, der Innenraum füllte sich aber später zu einem Viertel. Sehr viele Ansagen aus dem Off unterbrachen seinen Monolog über sein architektonisches und malerisches Schaffen. Es gab eine Sicherheitsübung, dadurch die Störungen. Am Anfang wurde noch darüber gelacht, aber nach einer Weile wurde es nervig. Im Laufe der Ausführungen wurden viele seiner Architekturmodelle und Gemälde auf der großen Leinwand gezeigt. Alleine dafür hatte sich der Flug von Frankfurt über Wien nach Miami gelohnt. Dann kam der Part, wo nichts mehr so richtig klappte. Martin Barre und Enchant fielen dem Regen anheim. Obwohl eigentlich kein Niederschlag mehr fiel. Das „Meet and Greet“ mit Saga, Neal Morse, Anathema und Allan Holdsworth sollte bis 13 Uhr gehen, aber schon um 12:15 Uhr war bis auf Herrn Morse und Mike Thoren und Michael Sadler von Saga kaum jemand mehr anwesend. Airbag hielten die Musik hoch. Den amerikanischen Zuschauern war die Musik von den Norwegern bisher ungekannt. Das änderte diese Band eindrucksvoll. Sie spielen im Moment eine neue CD ein und brachten den Song „Thriller“ als Schmankerl zum Besten. Wer Airbag mag, sollte sich ab jetzt in Vorfreude üben. Ein Thriller-Song im besten Sinne. Da ist ein Vergleich mit den sphärischen Parts von Pink Floyd nicht abwegig. Das Konzert wurde sehr gut aufgenommen. Auch hier herrschte wieder eine relaxte Stimmung und alle Sessel und Liegen waren besetzt. Währenddessen frischte der Sturm auf und machte sämtliche Auftritte auf der Pool-Stage zunichte. Aber nicht nur da. Wir freuten uns auf Jolly und wunderten uns über den regen Zuschauerzuspruch. Ich sagte noch zu meinem Mitreisenden CHF (bekannt aus dem Web-Magazin http://www.betreutesproggen.de/), dass Jolly bei den Amis gut ankommt. Allerdings war der Gitarrist eindeutig als Steve Rothery zu erkennen. Und auch die Mitmusiker gehörten eindeutig zu seiner Band. Die beiden Gruppen hatten wohl ihre Gigs getauscht. Was Steve Rothery aus seiner Gitarre an Tönen entlockte, zog das Publikum und mich sehr schnell in den Bann. Mit einem Wort umschrieben, trifft „sagenhaft“ wohl am ehesten den Kern. Jolly spielten dann später ihren angekündigten Gig. Die vier Musiker aus New York schlugen rockigere Töne an und legten einen guten Auftritt hin. Sie wurden vom anwesenden Publikum mit Applaus reich beschenkt.

Tag 3 - Dienstag

Am Dienstag erreichten wir um 12 Uhr Nassau. Nicht das an der Lahn, sondern das in der Karibik. Das Wetter war sich da aber noch nicht so einig. Wenn ich mit meinem Sport-Club mehrere Jahre hintereinander im Sommer an die Lahn gefahren bin, zeigte die Wetter-App immer das Wetter von Nassau/Bahamas. Was in der Regel immer Sonnenschein und 33° Celsius bedeutete. Jetzt aber bekämpften sich Wolken, Sonne und Regen gegenseitig. Der Sturm hatte allerdings überhand. Den Angsthasen unter der Leserschaft sei gesagt, dass dieser Riesendampfer sich wie ein Brett durch die Wellen pflügte. Ganz wackelfrei war es nicht, aber zur Seekrankheit fehlten mir noch mehrere Flutwellen. Wer mich kennt, weiß wie anfällig ich für die Seekrankheit bin. Wir verließen das Boot für einen kurzen Besuch auf der Insel. Ich holte mir einen Einreisestempel und dann gingen wir ins Hard-Rock-Café. Eine der Kassiererinnen schien vor unserem Besuch sehr müde zu sein. Das war sie danach nicht mehr. Ich hatte sie wohl mit meiner fröhlichen Art wiederbelebt. Änglagård okkupierten am Nachmittag die Poolstage. Relativ wenig Publikum tat sich die ausgereiften Kompositionen der sechs Schweden an. Fast zeitgleich spielten später Dave Kerzner und Premiata Forneria Marconi, kurz PFM. Die letztgenannten auf der Pool-Stage, jetzt bei bestem Wetter. Die Progurgesteine aus Italien lockten durch ihr Spiel mit einer Violine die neugierige Sonne hervor. Wieder zurück in der Spinnaker-Lounge musizierte Dave Kerzner mit seiner Band und den Backroundsängerinnen Lorelei McBroom und Durga McBroom-Hudson. Da war doch mal was? Richtig, sie stöhnten unter anderem schon bei Pink Floyd und stimmten sogar den Klassiker „The Great Gig In The Sky“ an. Dies bescherte uns Gänsehaut pur. Nicht zu vergessen der Besuch von Billy Sherwood, der für einen Song am Bass „aushalf“. Einen Auftritt von Spock`s Beard hatte ich verpasst, da es physisch überhaupt nicht möglich war, überall zu sein. Am Abend gab es für VIP-Gäste eine Einladung in die Spinnaker-Lounge. Den VIP-Status konnte man bei der Buchung einer bestimmten Kabinenkategorie käuflich erwerben und hatte dafür beim YES- und Marillion-Konzert feste Sitzplätze im Theater, sowie vorzeitigen Eintritt zu den anderen Shows. Ein Vorteil bei der Platzwahl. Die weiteren Vorteile hatte ich ja anfangs schon beschrieben. Es wurden Häppchen und Getränke serviert. Der Höhepunkt war ein persönliches Foto mit der Band YES. Ein wenig kamen die zahlenden Gäste sich veräppelt vor, da man sich für Sekunden zwischen die Bandmitglieder stellen durfte und durch einen externen Fotografen auf Chip abgespeichert wurde. Das war es dann auch schon. Nachdem ich schon wieder zuhause war, fragte ich bei CTTE an, wie ich das Bild mit mir bekommen könnte. Man bat mich um Geduld, die Bilder würden zeitnah in Facebook eingestellt. Man konnte sich aber gar nicht lange ärgern, denn bald darauf kam das nächste Highlight. Marillion gaben ihr erstes Konzert im Stardust-Theater. Dieses Jahr war wieder Ian Mosley an den Drums dabei. Leon Parr, der Schlagzeuger von Marillion letztes Jahr, war auch auf dem Schiff und bearbeitete für die Steve Rothery Band die Felle. Marillion verlangten sich und dem Publikum alles ab. Dies wurde mit Standing-Ovations mehr als belohnt. Später enterten Moon Safari, als Ersatz für ein ausgefallenes Konzert auf der Pool-Stage, die große Bühne des Stardust-Theater. Die Ränge blieben allerdings nur halb gefüllt. Wer dabei war, war begeistert. Der Auftritt war rockbetonter als noch in der Spinnaker-Lounge. Auch wurde Mega-Moon zum Besten gegeben. Danach gab es wieder das Problem, dass man sich nicht teilen konnte. Jolly, Nektar und Saga spielten zeitgleich in verschiedenen Locations über das Schiff verteilt.

Tag 4 - Mittwoch

Der Mittwoch begann recht ruhig. Auch das Schiff machte keine Fahrt. Die Meeresroute war wohl zu eng gefasst. Bis Miami waren es nur noch wenige Meilen. Einen Seetag stelle ich mir anders vor. Es hat nur noch gefehlt, dass Anker geworfen wurde. In der Bar-City hatte Neal Morse einen Workshop. Allerdings war dies eher ein christliches Happening. Nach ihm erklärte auf derselben Bühne Roger Dean seine Maltechniken und ließ wieder Fragen aus dem Publikum zu. Auffällig viele Frauen interessierten sich für seine Ausführungen. Seine offizielle Galerie Trading Boundaries hatte auf Deck 12 auch dieses Jahr wieder eine Auswahl seiner Werke vorrätig. Tracy Thomson und Michael Clifford und ihr sympathisches Team waren immer ansprechbar und sehr kundenfreundlich. Jetzt wurde der Terminkalender auch wieder voller. Thank You Scientist rockten im Crystal Atrium ein völlig geflashtes Publikum. Caravan eroberten mit ihrem Canterbury Prog die relativ wenigen Fans auf dem Pooldeck. Da waren wohl die ersten Ermüdungserscheinungen zu erkennen. George Roldan, der Organisator vom ROS-Fest tummelte sich auch hier herum. Er verteilte fleißig Flyer für sein Festival 2016. Hier war ja genau seine Zielgruppe. Messenger zogen in der Spinnaker-Lounge auch nicht die Massen an. Das Stardust-Theater war beim Auftritt von Nektar zur Hälfte besucht. Auch sie Urgesteine des Art-Rock, legten ein druckvolles Konzert ab. PFM durften noch ein zweites mal die Pool-Stage rocken und sahnten viel Applaus ab. Bad Dreams waren ziemlich belanglos und nutzten die ihnen gegebene Chance zur Aufmerksamkeit nicht. Ich blieb nicht lange, was auch damit zu tun hatte, dass auf der Pool-Stage für eines der Highlights dieser Cruise umgebaut wurde. Mike Portnoy scharrte einige Gastmusiker um den Stamm der Neal Morse Band um sich und nannte dies Chris Squire Tribute. Pete Trewavas, Jonas Reingold und Dave Meros zupften als Stargäste den Bass, Steve Hogarth, Ted Leonhard, Casey McPherson und Ross Jennings von Haken sangen und Ryo Okumoto drückte bei dem Song Silently Falling aus dem Squire Solo-Album Fish Out Of Water von 1975 die Tasten. Das vier Bassisten gleichzeitig  zusammen spielten, war schon grandios und absolut ungewöhnlich. Knapp anderhalb Stunden dauerte diese gut besuchte Hommage. IO Earth zelebrierten danach ihren folkig angehauchten Folkprog. Ein Highlight war der Pink Floyd Klassiker „Echoes“, welcher von unbekannten Musikern in der Bar-City vorgetragen wurde. Nur wenige Zuschauer erlebten diesen wundervollen, emotionalen Vortrag. Den Anfang erlebten ein befreundestes Paar aus Chicago, CHF und ich im Restaurant Teppanyaki, wo wir von einem persönlichen Koch am Tisch auf einer heißen Platte Köstlichkeiten vorgesetzt bekamen. Die Speisen wurden nicht einfach gebraten, sondern es wurde viel Spökes (Unsinn, Schabernack und Zaubereien) dabei veranstaltet. Das Ende von Echoes bekamen wir aber live mit und es erhoben sich restlos alle Zuschauer. Das letzte offizielle Konzert gaben Anathema in der Spinnaker-Lounge. Es gab danach noch einige Veranstaltungen, wie Frage- und Antwort-Stunde, aber eigentlich war mit dem gefeierten Konzert der Briten die CTTE 2015 Geschichte.

Fazit

Das Fazit fällt nicht ganz so gut aus, wie 2014. Im April 2017 wird mit Sicherheit das Schiff gewechselt werden. Vielleicht klappt dann die Organisation wieder besser. Das schlechte Wetter zwang den Merchandising-Stand zwischendurch zum Umzug. Dies war erheblich besser, da der Verkauf ab dann in einem Raum stattfand. Allerdings gab es pro Band nur 2 CDs zu erwerben. Ein eigener Stand war den Bands untersagt. Die Soundchecks dauerten viel zu lange, was Überschneidungen der einzelnen Events nach sich zog. Das Zeitfenster beim Abendessen war eigentlich alle Tage viel zu kurz gefasst. Da müsste man ein besseres Zeitmanagement rein bekommen. Andererseits kam fast nie Langeweile auf, da immer irgendetwas zu tun war. Man besuchte ein Konzert, guckte sich ein Meet and Greet an, oder fand sich bei einem Frage- und Antwort-Gespräch mit den Bands ein. Nicht vergessen sollte man die verschiedenen Restaurants, welche man aufsuchen konnte und die Roger Dean Gallerie von Trading Boundaries. Das Gute an einer solchen Cruise ist natürlich die Fülle an nett ausgeflippten Proggies und die Fülle der T-Shirtmotive und manches Tattoo. Der Abstand der Kreuzfahrten ist gut gewählt, kürzer als anderthalb Jahre sollte er nicht sein. Die Organisatoren sollten überdenken, ob auch in diesem Fall nicht weniger mehr ist und weniger Bands verpflichten. Der aufmerksame Leser wird merken, wenn er den Flyer der Cruise mit den aufgeführten Bands vergleicht, dass nicht alle Konzerte besucht wurden, oder wenn doch, nur so kurz, dass ein Bericht dem Auftritt nicht gerecht würde. Da der Schiff-im-Schiff Bereich diesmal sehr klein war, tummelten sich noch mehr Musiker unter dem zahlendem Publikum. Dies war manchesmal ein erhebendes Erlebnis, wenn ein Steve Rothery oder ein Pete Trewavas, ein Neal Morse oder ein Michael Sadler neben einem standen und ansprechbar waren. Ich freue mich jetzt schon auf Februar 2017. Vielleicht tragen die Leser meiner Homepage sich diesen Termin ja schon in den Kalender ein und man sieht sich gemeinsam in Tampa?

der Berichterstatter auf der Pool-Stage
der Berichterstatter auf der Pool-Stage

Interview mit Tomas Bodin