Tagung zum Thema "Progressive Rock"
am Institut für Europäische Musikethnologie an der Universität zu Köln am 23. und 24. November 2011

Hinterher ist man immer schlauer. Wäre ich doch schon am 23.11. bei dieser Vorlesung gewesen. Aus vorgeschobenen Termingründen besuchte ich mit unserem JM zusammen erst am zweiten Tag diese interessante Veranstaltung. Eine Tagung zu unserem Lieblingsthema an der Uni? Das hat doch mal was. Und tatsächlich, dies war die erste Veranstaltung dieser Art. Geladen haben Professor Dr. Klaus Näumann, unter anderem Autor des Buches "Parang-Musik in Trinidad" und jetzt Mitarbeiter am Institut für Musikethnologie in Köln und Professor Dr. Martin Lücke, ein ganz junger, sehr sympathischer Mensch, welcher an der Universität München Musikmanagment lehrt. Bei meinen Recherchen im Internet fand ich heraus, dass dieser Mann von der BILD-Zeitung als "Professor Schlager" bezeichnet wurde. Ihn aber auf dieses Musikgenre zu reduzieren, würde seiner Person nicht gerecht. Diesen Titel bekam er "verliehen", nachdem er die 100 besten Schlager des Jahrhunderts aufgelistet hatte. In einem kurzen persönlichen Gespräch sagte er mir, dass seine Lieblingsgruppe "Gentle Giant" ist. Seine Frau bezeichnet seinen Musikgeschmack dann auch als "Chinamucke". Mit Schlager hat das nicht viel zu tun.

Den kleinen zur Verfügung gestellten Raum bevölkerten insgesamt 23 Vortragende und Interessierte. Es waren immerhin vier Frauen anwesend. Dies ist mal wieder die typische Quote bei dieser tollen Musikrichtung. Nachdem der Morgen von Christian Floßdorf an der Gitarre mit dem Choral "Wachet auf, ruft uns die Stimme" von Bach eröffnet wurde, begann um Punkt 10 Uhr Florian Zwißler über die Geschichte des Mellotrons im Progressive Rock zu erzählen. Ich wusste nicht, dass dieses Instrument im harten Live Einsatz fast immer scheitert. Die Mechanik reagiert auf Temperaturschwankungen sehr empfindlich. Aber auch Nebel stört den Gebrauch. Und daher kommt das Mellotron fast nur zu seiner eigentlichen Aufgabe, wenn es im Studio steht, weil es dort sehr genau eingestellt werden kann. Selbst heutige Computersamples sind dem Instrument in seiner Ausdrucksvielfalt unterlegen.
Richtig interessant wurde es dann, als Allan Moore, Professor für Popmusik in Surrey, über "geliehene" Versatzstücke referierte. Hört Euch mal von Gentle Giant das Lied "Knots" zwischen 1,06 und 1,33 Minuten an. Und danach direkt den Song "time changer" von Neal Morse zwischen 3,56 und 4,40 Minuten. Mir stand danach der Mund offen. Und so ging es munter weiter. Vergleiche ruhig mal von YES "awaken" ab 10,40 bis 11,13 Min. und von den Flower Kings "the truth will set you free" zwischen 6,30 und 7 Minuten. Unitopia hat wahrscheinlich nur durch puren Zufall die Anfangssequenz von "the garden of unearthy delights" mit dem Opening von "close to the edge", wiederum von YES gemeinsam.

Franco Fabbri, Mitglied der Gruppe Stormy Six, war dann für mich ein Ausfall. Er nahm seinen Vortrag "Rock in der politischen Opposition" als Anlass, Werbung in eigener Sache zu machen. Das endete in so spannungsgeladenen Auflistungen, wann welches Konzert aus welchen Gründen wann stattfand. Ich spürte bei einigen Musikbeispielen des RIO (Rock in Opposition) die Gefahr eines Suizidversuchs. Dem strengen Gesichtsausdruck von Herrn Fabbri nach zu urteilen, bestand bei ihm diese Gefahr auch.

Bernward Halbscheffel holte mich aus dieser depressiven Phase aber wieder schnell heraus. Sein Vortrag "Bach ist der Größte" geht auf ein Zitat aus der HörZu aus den 70ern hervor. Ist Dir aufgefallen, dass in manchen Beatlessongs Bachzyklen eingearbeitet sind? Ha, mir auch nicht. Aber es ist so. Die nebeneinander gehaltenen Notenbögen offenbarten dies eindrücklich. Und George Martin machte auch gar kein Geheimnis aus diesem Umstand. Das begnadete Meisterwerk "a whiter shade of pale" von Procol Harum beinhaltet eine Bachkantate, dann aber auch nicht. Die Affinität der Noten zu manchem Original ist verblüffend. Auch Gary Brooker leugnet nicht seine Liebe zu Bach. In der anschließenden Diskussion kam dann auch die Frage auf, ob man Bach kennen muss, um die Musik zu verstehen. Die Antwort liegt auf der Hand. Man muss nicht, aber es ist hilfreich und sehr interessant. Die musikalische Eröffnung am Morgen bekam durch diese Vorlesung posthum einen Sinn.

Der Titel "musikalische Sozialisation mit Progressive Rock in der schwäbischen "Tundra und Taiga" von 1984 - 1994" hört sich auch nicht wirklich spannend an. Umso schöner die Überraschung. Doktor Klaus Näumann erzählte im Prinzip aus seinem Leben. Großer Bruder hörte Rockplatten, den Namen Prog gab es damals noch gar nicht, Musik als Distanz zu den Eltern, usw. Hand auf das Herz: genauso war es doch. Ich hatte zwar keinen älteren Bruder, aber eine ältere Schwester. Auch sie hatte interessante Langspielplatten im Portfolio.

Aus dem echten Leben erzählte auch Privatdozent Dr. Julio Mendivil. Er forscht an der Universität zu Köln zu den Themen Musikethnologie, Populärmusikforschung und Musikarchäologie. Lima wurde als westlich orientierte Metropole vorgestellt. Und da war es genauso üblich, dass Jugendliche an Rockmusik kamen. Seine Mutter bezeichnete seinen Musikgeschmack als "musica loca", also verrückte Musik. Toll fand ich auch die Feststellung, warum Jethro Tull zum Prog gehören, Uriah Heep aber nicht. Dies würde er bis heute nicht verstehen. Er sprach mir aus dem Herzen. Seine Sichtweise als Peruaner auf progressive Musik war sehr aufschlussreich. Seine Ausführungen unterlegte er auch mit Musikbeispielen von El Opio, El Polen und Fragil.

In der Fragerunde nach seinem Vortrag wurde Julio Mendivil von jemandem gefragt, wie er denn an seine Lieblingsmusik in Deutschland drankommt. Die Antwort entlockte mir ein herzerfrischendes Lachen. Im Saturn und anderen Musikläden würden seine Lieblingsbands Pink Floyd, Genesis, usw. doch verkauft. Der Fragesteller wollte natürlich nach peruanischer Rockmusik fragen. Aber auch hier eine verblüffende Antwort. Diese kauft er in iTunes.

Wenn das nächste Mal in der sehr interessanten Facebookgruppe "magic progressive music" auf eine Tagung zum Thema Progressive Rock hingewiesen wird, werde ich jeden vorgeschobenen Termin nach hinten schieben. Und dies kann ich abschließend auch Dir raten. Je mehr Interessierte dieses Genre unterstützen, umso besser. Die FB Gruppe ist übrigens deshalb so interessant, weil sie von mir ins Leben gerufen wurde :-)

guck also ruhig mal drauf.